Am 1. Juni 2026 halte ich in Montpellier einen kurzen Vortrag im Rahmen von Undisciplined Ethnobotany, einer internationalen Konferenz, die Menschen aus Ethnobotanik, Ökologie, Anthropologie, Pflanzenkunde und verwandten Forschungsfeldern zusammenbringt.

Der folgende Text ist eine deutsche Fassung des Abstracts, mit dem ich als Speaker ausgewählt wurde.

 

 

Was wilde Wurzeln uns lehren können:

Sammeln als relationale und regenerative Praxis

Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war das Sammeln wilder Pflanzen von zentraler Bedeutung. Unterirdische Pflanzenorgane – Wurzeln, Rhizome und Knollen – spielten dabei eine entscheidende Rolle in der menschlichen Ernährung. Angesichts der sich verschärfenden Klima- und Umweltkrisen, die die moderne Landwirtschaft zunehmend an ihre Grenzen bringen, gewinnt dieses beinahe verlorene Wissen heute wieder an Bedeutung.

Beim Schreiben meines Buches, mit dem ich dazu beitragen möchte, dieses Wissen wiederzubeleben und weiterzugeben, stellte sich mir eine ethische Frage: Kann man in einer Zeit des Massenaussterbens und industrialisierter Landschaften überhaupt noch wilde Pflanzen ausgraben, um sie zu essen, ohne den ökologischen Zusammenbruch weiter zu verschärfen? Und wenn ja: Kann das Sammeln wilder Wurzeln so in eine zeitgenössische Sammelpraxis zurückkehren, dass es nicht nur entnimmt, sondern auch Fürsorge fördert?

Ausgehend von den Recherchen für mein Buch Délicieuses racines sauvages (Köstliche wilde Wurzeln) schlage ich einen relationalen Ansatz vor. Er verbindet historische und ethnobotanische Texte zur Nutzung von Wurzeln, archäobotanische Hinweise sowie eigene Feldexperimente, um praktisches Wissen wiederzugewinnen, das in schriftlichen Quellen oft fehlt.

Die Ernte von Wurzeln wird dabei zu einer Linse, durch die sich Entnahme neu denken lässt: nicht nur als Ausbeutung, sondern möglicherweise auch als symbiotische Beziehung. Indem ich auf Lebenszyklen, Fortpflanzung und die Reaktionen der Pflanzen nach der Ernte achte, lassen sich von den Pflanzen selbst einfache „Verhaltensregeln“ lernen. Diese können das Sammeln von einer erschöpfenden Praxis hin zu einer regenerativen Praxis verschieben – dorthin, wo ein achtsames und wechselseitiges Nehmen möglicherweise mehr Leben hervorbringt, als es entfernt.

Indem diese von den Pflanzen ausgehenden Verhaltensregeln einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden, untersucht diese Arbeit, wie das Sammeln wilder Wurzeln in industrialisierten Landschaften zu einer Praxis der Fürsorge und Verantwortung werden könnte. Sie legt nahe, dass menschliche Anwesenheit – wenn sie bereit ist, von nichtmenschlichen Lebewesen zu lernen – durch Achtsamkeit, Zurückhaltung und gemeinsame Verantwortung für die lebendigen Gemeinschaften, aus denen wir sammeln, wieder ökologische Wirkungen entfalten kann, die an die Rolle einer Schlüsselart erinnern.